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Interkulturelle Krankheitswahrnehmung und die Folgen für des Arzt-Patienten- Verhältnis
von Lysann Devantier


Als Studentin der Universität Bremen im Studienfach Public-Health/ Gesundheitswissenschaften absolvierte ich im Rahmen dieses Studiums beim ZIS ein Praktikum und beschäftigte mich u.a. mit dem Thema „Migration und Gesundheit“. Im fortfolgenden Artikel wird die kulturspezifische Wahrnehmung von Schmerzen und Krankheiten in der türkischen Kultur beschrieben, wobei es sich hier vorrangig um die Krankheitswahrnehmung der MigrantInnen der 1. Generation in Deutschland handelt. Die traditionelle Vorstellung von Krankheit und Behandlung hat sich über mehrere Jahre mit den westlichen Krankheitskonzepten vermischt, sodass es die Reinform dieses Verständnisses nur noch in der Türkei gibt.


Schon seit längerem ist bekannt, dass die Wahrnehmung, Interpretation und die Bewertung von Krankheitssymptomen in verschiedenen Bevölkerungen unterschiedlich ausgeprägt sind. Gerade in der Ethnomedizin wird diesem Aspekt der unterschiedlichen Krankheitsansichten ein besonderer Stellenwert zugeschrieben. Im Wissen um diese mannigfachen Krankheitsvorstellungen ergeben sich verschiedene Ansätze für die Diagnosestellung, der Therapieauswahl und in dem Therapieverfahren für MigrantInnen (Berg, 2001, S. 84 ff).

In der Türkei sind bis heute noch Fragmente aus alten Traditionen in der Volksmedizin verankert. Vor allem in türkischen, ländlicheren Regionen mit infrastrukturellen Defiziten, spielen sie weiterhin eine wichtige Rolle in der Behandlung erkrankter Menschen. Beispielsweise hat das Aufsuchen eines Hodschas (Heilers) in der Türkei für die Genesung des Patienten eine große Bedeutung (David, Borde, 2001, S. 45).

Der Hauptgedanke bezüglich der Gesundheits- bzw. Krankheitsvorstellung zeichnet sich darin aus, dass Krankheiten als exogen, also als von außen, verursacht angesehen und meist als sehr bedrohlich empfunden werden. Symptome werden als ganzheitlich und körperbezogen erlebt, es besteht nur selten eine Trennung zwischen Leib und Seele. Die Entstehung von Krankheiten durch nicht sicht- oder fühlbare Einflussfaktoren werden in der Regel kaum in Betracht gezogen (Berg, 2001, S. 86). Das heißt, dass genetisch bedingte Erkrankungen oder Krankheiten die endogen, d.h. im inneren des Körpers, entstanden sind sowie psychische Leiden von einigen MigrantInnen nicht ausreichend erfasst und gedeutet werden können. Weiterhin wird deutlich, dass ein niedriger sozialer Status mit einer sehr körpernahen und symbollastigen Symptom- und Schmerzdarstellung einhergeht und das kulturspezifische Krankheitsverständnis hier hauptsächlich das Handeln und Verhalten bestimmt. So wird zum Beispiel oft das Besessen sein von Geistern durch den bösen Blick in der türkischen Kultur für psychische Erkrankungen verantwortlich gemacht. Das Verständlich machen auftretender psychischer Leiden bei türkischen MigrantInnen stellt daher eine schwierige Aufgabe für das Gesundheitswesen des Aufnahmelandes dar (Glier; Erim, 2007, S. 235). Geprägt durch die unterschiedlichen kulturellen Krankheitsvorstellungen und die sprachlichen Diskrepanzen kommt es sehr oft zu Missverständnissen zwischen Arzt und Patient, welches sich auf den Heilungsprozess und den Behandlungserfolg negativ auswirken kann. Es entstehen Unsicherheiten auf beiden Seiten und nicht selten wird dann eine Behandlung abgebrochen (Glier; Erim, 2007, S. 234).

Eine weitere Problematik stellt die westliche „Apparatemedizin“ dar, die mit traditionellen Heilungsmethoden türkischer MigrantInnen kollidieren. Es werden immer mehr technische Geräte zur Diagnostik und Behandlung eingesetzt, Werte erhoben, Symbole und Fachbegriffe benutzt, die es den Patienten schwer machen, den Ablauf der Behandlung vollständig nachzuvollziehen und sich so dem Arzt vollstens anzuvertrauen. Das eher „kühle Verhältnis“ zwischen Arzt und Patient ist selbst für Deutsche unbefriedigend. Daher ist es nachvollziehbar, wenn es auf MigrantInnen, die ihre Leiden hauptsächlich über ausgedehnte Gespräche mitteilen wollen, zweifach frustrierend wirkt. Gerade die oft durch Zeitmangel geprägten Arzt-Patienten-Beziehungen und zugleich die fehlende Sprachkompetenz, das Leiden genau beschreiben zu können, ruft bei vielen MigrantInnen starken Unmut hervor (Zimmermann, 2000, S.37f).

Aufgrund dieser Tatsachen ist es gerade für die gesundheitliche Versorgung von MigrantInnen besonders wichtig einen Weg zu finden, in dem sich alle Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit vereinen lassen. Große Bedeutung kommt dabei der interkulturellen Öffnung der Institutionen im Gesundheitswesen zu: Neugierig, respektvoll und vorurteilsfrei anderen Nationalitäten begegnen, sich bewusst werden, dass es andere Wertesysteme mit unterschiedlichen Krankheits- und Gesundheitsmodellen gibt, Schmerzen und Leiden verschieden empfunden werden können. Durch dieses interkulturelle Wissen kann der Grundstein für eine erfolgreiche Behandlung gelegt werden (Glier; Erim, 2007, S. 239) In vielen Krankenhäusern mit einer hohen Zahl an Patienten mit Migrationshintergrund werden bereits muttersprachliche Dolmetscher eingesetzt. Im Gegensatz zur Eins-zu-Eins-Übersetzung ist gerade hier das interkulturelle Hintergrundwissen wichtig und notwendig, um verschiedene Äußerungen der Patienten richtig deuten oder interpretieren zu können. Weitere Ansätze, die zu einem positivem Arzt-Patienten-Verhältnis beitragen, sind spezielle Schulungen zur interkulturellen Gesprächsführung für Ärzte und Pflegepersonal. Theoretisch zeigen sich viele Möglichkeiten im Umgang mit MigrantInnen in Gesundheitseinrichtungen, die die Qualität der medizinischen Versorgung erheblich verbessern würden, jedoch kommen praktisch noch zu wenige zum Einsatz.


Literaturverzeichnis:
• Glier, Erim (2007): Schmerz bei Migranten aus der Türkei. In: Kröner; Herwig; Frettlöh; u.a. (Hrsg.): Schmerzpsychotherapie. Berlin, Springer Verlag
• Zimmermann (2000): Kulturelle Mißverständnisse in der Medizin. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle, Verlag Hans Huber
• Berg (2001): Subjektive Krankheitskonzepte – eine kommunikative Voraussetzung für die Arzt-Patientin- Interaktion? In: David, Borde, Kentenich (Hrsg.): Migration und Gesundheit. Zustandsbeschreibung und Zukunftsmodelle. Frankfurt a.M. , Mabuse – Verlag
• David, Borde (2001): Kranksein in der Fremde? Türkische Migrantinnen im Krankenhaus. Frankfurt a.M., Mabuse – Verlag



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