Tee-Partie
von Osman Engin

Ich sitze in der Türkei bei meinem Onkel Ömer auf dem Balkon und trinke Tee. Er rührt mit dem kleinen Löffel so laut in seinem Teeglas, dass es die ganze Straße mitkriegt. Ich glaube, dieses laute Klimpern beim Umrühren in dem winzigen Teeglas ist ein Überbleibsel aus den alten Zeiten, wo man noch kein Telefon hatte, um die Nachbarn einzuladen. Genauso wie der ständige Ruf des Muezzins vom Minarett, um die Gläubigen in der Moschee zu sammeln noch aus der Zeit stammt, wo noch kein normaler Mensch eine eigene Uhr hatte. Und als dann endlich, durch das Trommeln im Teeglas (die höllischlaute türkische Variante des indianischen Rauchzeichens), alle Nachbarn da sind, schlürft mein Onkel Ömer mit großer Geste und geschlossenen Augen genüsslich seinen Tee und fängt gutgelaunt wie immer an, seine Geschichten zu erzählen. Als erstes wird natürlich die Dame des Hauses gelobt, was für einen tollen Tee sie doch zubereiten kann. „Bei Allah, Ülkü, meine liebe Ehegattin, die Rose des Orients, du hast dich heute wieder selbst übertroffen. Dein Tee schmeckt köstlich und ist wieder rot wie Hasenblut!“ Meine Tante Ülkü räuspert sich ein paar Mal, sichtlich stolz und froh, dass ihre Arbeit vor fast 20 Leuten lautstark anerkannt worden ist und sagt verlegen: „Ömer, lass das! Es wäre doch schlimm, wenn ich nach 40 Ehejahren keinen anständigen Tee kochen könnte!“ Und schon fängt mein Onkel Ömer wie jeden Tag mit seiner Balkonpredigt an. Die Anfangsgeschichte hat immer was mit Tee zu tun, um das herrliche Getränk richtig zu würdigen. Vieles wiederholt sich in all den Jahren natürlich, aber es wird trotzdem dankbar gelacht. Gestern war wieder der Spionagetriller mit dem türkischen Spion in Moskau auf dem Tagesplan: Die Russen wissen, dass es in Moskau ein türkischer Spion gibt. Können ihn aber nicht entlarven. Dann schicken sie jemanden zwecks Gegenspionage in die Türkei, um die Türken zu studieren. Der Mann beobachtet die Türken nur kurz im Männercafé beim Teetrinken und ruft sofort in Moskau an: ‚Geht ins Café, und wer mehr als zwei Stühle in Beschlag nimmt, ist garantiert der gesuchte türkische Spion.’ „Und nach ein paar Minuten ist der anatolische 007 natürlich schon gefasst“, sagt mein Onkel Ömer, der uns mit diese Geschichte auch schon mindestens 007-Mal gefoltert hat. Dabei streckt er demonstrativ alle seine Beine und Arme so gemütlich aus, dass er fünf Stühle besetzt. Zwei Stühle für den rechten und linken Arm, je eins für das rechte Bein und das linke Bein und auf einen sitzt er wie ein Pascha. Ich bin gespannt, welches Märchen er heute erzählt, und hoffe inständig, dass es keine Wiederholung sein wird. „Mein lieber Neffe Osman, du wohnst ja im fernen Deutschland! Hast du eigentlich von diesem Drama an der Schwarzmeerküste gehört? Romeo und Julia auf türkisch sozusagen?“ fragt er mich plötzlich vor allen Leuten. „Nein“, gebe ich zu, „ich weiß nur, dass am Schwarzmeer die Lazen wohnen und jede Menge Tee anbauen. Die sind so was wie die Ostfriesen der Türkei. Sowohl als Teetrinker als auch Witzelieferanten.“ „Richtig, Osman, hör mal zu, was vor ein paar Tagen passiert ist: Der Laz Temel ist mit Ayse verheiratet und trinkt mit seiner Frau jeden Abend gemütlich auf dem Balkon Tee. Aber seine Frau Ayse liebt den Laz Dursun, der gegenüber wohnt und der auch mächtig in sie verknallt ist. Aber der eifersüchtige Temel lässt seine Frau keine Sekunde aus den Augen. Eines Tages kann der Laz Dursun es nicht mehr ertragen und geht zu denen rüber und sagt: ‚Temel, schämst du dich nicht, mit deiner Frau Ayse jeden Tag hier auf offener Balkon Sex zu machen?’ Laz Temel sagt verwundert: ‚Spinnst du oder was? Wir trinken doch nur Tee!’ Aber Laz Dursun sagt: ‚Also von meinem Balkon aus sieht es so aus, als würdet ihr miteinander schlafen.’ Laz Temel ist schockiert, er sagt: ‚Gut, ich gehe mal rüber zu deinem Balkon und schaue es mir mal an.’ Die beiden unglücklich Verliebten nutzen natürlich sofort die Gunst der Stunde aus. Laz Temel kommt wieder aufgeregt zurück und ruft: ‚Dursun, du hast Recht! Es sieht von deinem Balkon wirklich so aus, als würdet ihr hier kein Tee trinken, sondern Sex machen!’“ Alle schlagen sich auf ihre Schenkel und lachen sich kaputt! Nur ich nicht! Und Onkel Ömer bekommt schon zum fünften Mal Tee eingeschenkt. Aber er rührt darin nicht mehr so laut, um die ganzen Kinder in der Straße nicht aufzuwecken. „Aber Onkel Ömer, wenn es bei der Dunkelheit vom Weiten doch anders aussieht, dann lass uns doch unseren Tee drinnen weiter trinken“, sage ich besorgt. Jetzt lachen sich die Leute erst recht schief und mehrere Teegläser zerscheppern mit großem Geklirre auf dem Boden. Das ist mir alles viel zu peinlich! Ich nehme mein Teeglas und gehe ins Wohnzimmer: „Ich will nicht, dass die Leute später hinter meinem Rücken lästern: dieser Osman treibt’s mit seinem Onkel!“



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