Einleitungsreferat
von Ali Elis

„Migration – Bildung- Integration?“
Sehr geehrte Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft, sehr geehrter Herr Staatsrat Dr. Schuster, liebe Frau Prof. Dr. Pur, lieber Herr Prof. Dr. Dartan, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Drechsler, sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Presse, Referentinnen und Referenten, liebe Gäste, ich freue mich, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind und dass Sie an diesem Symposium teilnehmen. Die Zusammenarbeit zwischen dem Zentrum für Migranten und Interkulturelle Studien (ZIS), bzw. dem Institut für Türkisch-Deutsche-Zusammenarbeit (TDI), der Uni Bremen und der Marmara Universität Istanbul besteht nunmehr bereits seit 8 Jahren. In dieser Zeit haben wir sowohl in Istanbul, als auch in Bremen eine Reihe verschiedener internationaler Konferenzen durchgeführt. Auch in diesem Jahr waren wir bereits in Istanbul, im Januar zum Thema „Türkische Migranten in Europa“. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und mich bei unseren türkischen Gästen aus Istanbul nochmals herzlich für die Gastfreundschaft sowie die interessanten Gäste und Referate bei dieser Konferenz bedanken. Als Frau Prof. Dr. Neumann, Herr Prof. Dr. Lichtenberg und ich im Januar nach Istanbul gereist sind, diskutierten wir bereits am Flughafen Hamburg darüber, dass die Thematik „Bildungssituation der Migrantenkinder in Deutschland“ im besonderen Maße die deutsche Gesellschaft berührt und daher nicht nur in der Türkei, sondern vor allem auch in Deutschland diskutiert werden sollte. So entstand die Idee, die in Istanbul begonnene Diskussion zu einem späteren Zeitpunkt unter besonderer Beleuchtung der deutschen Verhältnisse in Bremen weiter zu vertiefen und fortzusetzen. In der Folge hat das ZIS im Laufe dieses Jahres das heutige Symposium organisiert. Wir freuen uns, dass wir den im Januar gefassten Entschluss so schnell verwirklichen konnten und besonders darüber, dass anlässlich dieser Veranstaltung 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studentinnen und Studenten der Marmara Universität nach Bremen gereist sind, um sich durch ihre Referate und Diskussion an diesem Symposium zu beteiligen. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an alle Istanbuler Gäste für Ihr Kommen. Es ist mir eine besonders große Freude, dass Sie hier sind und vor allem, dass sich eine so große Zahl türkischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an dieser Veranstaltung beteiligt. Wir möchten heute über die Situation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem sprechen. Aber wir möchten dabei nicht nur anprangern und kritisieren was in der Vergangenheit alles versäumt oder falsch gemacht wurde, sondern wir möchten vor allem auch Lösungsansätze erarbeiten und hier darüber diskutieren, was man in der Zukunft verändern bzw. verbessern müsste, um die Bildungschancen von Migranten in Deutschland zu erhöhen. Angesichts der aktuellen Zahlen, dass in der deutschen Gesellschaft 19 % der Gesamtbevölkerung, 27 % der 15jährigen und bei den Unter-Sechs-Jährigen sogar 51 % einen Migrationshintergrund haben (WK, 2008: Nr.244), zeigt sich, dass die heutige Diskussion schon lange keine Minderheiten-Debatte mehr ist. Sprechen wir über die Bildungschancen von Migranten in Deutschland, sprechen wir damit auch über die Zukunft dieser Gesellschaft und dieses Landes. Seit mehr als 20 Jahren gibt es empirische Untersuchungen die zeigen, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem schlechter abschneiden als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. Doch erst mit der PISA- (Programme for International Student Assessment) und der IGLU- (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) Studie rückte diese Erkenntnis verstärkt ins Bewusstsein. Die Ergebnisse und Zahlen haben in erschreckender Weise gezeigt, dass gemessen am internationalen Vergleich Migrantenkinder in Deutschland im Vergleich zu ihren deutschen Mitschülern wesentlich schlechtere Ergebnisse erzielen. Die Bildungsbenachteiligung der Migrantenkinder zeigt sich vor allem darin, dass sie an deutschen Hauptschulen, Sonderschulen und Schulen für Lernbehinderte überrepräsentiert und an Gymnasien unterrepräsentiert sind (Britz, 2005). Insgesamt lag der Ausländeranteil im Schuljahr 2006/2007 an deutschen Schulen bei 9,6 %. An Haupt- und Sonderschulen beträgt die Migrantenquote 19,2 % bzw. 15,5 %, wohingegen sie an Gymnasien nur 4,3 % aufweist. Integrierte Gesamtschulen verzeichnen mit 13,8 % einen hohen Ausländeranteil, während an Realschulen nur 7,7 % der Schüler nichtdeutscher Herkunft sind (Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland 2008,). Diese Zahlen verdeutlichen, dass Migrantenkinder und -jugendliche über proportional stark von der Ungleichheit der Bildungschancen betroffen sind. Dem ist zuzufügen, dass Kinder mit Migrationshintergrund dreimal so häufig eine Klasse wiederholen müssen wie ihre deutschen Mitschüler (Britz, 2005). Das Risiko im Verlauf ihrer Schulzeit nicht versetzt zu werden, ist für sie damit 2,76 mal höher, als für deutsche Kinder. Viele Schüler machen bereits während der Grundschule die Erfahrung des Sitzenbleibens und ein Drittel derer wird auf die Sonderschule abgeschoben (Auernheimer, 2004). PISA zeigt aber zugleich, dass das schlechte Abschneiden Deutschlands nicht auf den hohen Migrantenanteil der BRD zurückgeführt werden kann, da andere Einwanderungsländer, wie Schweden und Kanada, bei PISA einen Spitzenplatz einnehmen (Britz, 2005). Aus diesem Grund möchten wir heute darüber sprechen, was in diesem Land durch Politik und Gesellschaft verbessert werden kann und muss, um Migrantenkinder in das deutsche Bildungssystem besser zu integrieren und eine strukturelle Benachteiligung dieser Bevölkerungsgruppe zu verhindern. Um die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen adäquat beurteilen zu können, müssen wir auch beleuchten, was in der Praxis an den Schulen läuft, und mit welchen Herausforderungen die Lehrerinnen und Lehrer vor Ort zu kämpfen haben. Neben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen werden heute Frau Busch und Herr Schmeack, Direktorin und Direktor zweier Bremer Schulen, über den Alltag an ihren Schulen mit hohem Migrantenanteil berichten. Erst letzte Woche hat sich die Bundesregierung auf dem dritten Integrationsgipfel das Ziel gesetzt, dass bis 2012 alle Schulanfänger gute Deutschkenntnisse haben sollen. Zudem will sie die Zahl der Schulabbrecher unter den Migranten drastisch senken und die Zahl der Abiturienten erhöhen. Dass diese Vorhaben - ebenso wie die weiteren Ziele des Nationalen Integrationsplanes - verwirklicht werden können, ist nicht nur eine politische sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an der wir alle mitarbeiten müssen. Aus diesem Grund freue ich mich besonders, dass Sie alle heute hier sind und lade Sie dazu ein, mit uns zu diskutieren und sich durch Fragen oder Wortmeldungen aktiv an unserer Diskussion zu beteiligen. Nur wenn Integration als gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen und gelebt wird, kann sie auch gelingen. Ich möchte mich bei allen Mitwirkenden, Unterstützerinnen sowie Teilnehmerinnen und Teilnehmern herzlich bedanken. Ich wünsche uns ein erfolgreiches Symposium. Vielen Dank.



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